Die Christbaumspitze – eine wahre Geschichte.

Es gab und gibt in unserer Familie, genau wie in vielen anderen Familien, gewisse “Heiligtümer” oder auch Erbstücke genannt, an denen unser, oder das Herz unserer Eltern hing oder hängt. So möchte ich nun die Geschichte einer Christbaumspitze erzählen.

Der Weihnachtsbaum wurde früher erst an Heiligabend geschmückt und nicht wie in der heutigen Zeit schon vier Wochen vorher. Dann wundert man sich heute, das die Kinder kein richtiges Weihnachtsgefühl mehr haben. Kein Wunder, wenn ich den Baum schon vier Wochen vor Weihnachten, jeden Tag anschauen kann, dann ist die Freude an Weihnachten weg. So auch mit den Konsumgütern, die spätestens im Oktober schon im Discounter stehen. Vorfreude ist da nicht mehr angesagt.

Christbaumschmücken war Aufgabe des Christkindes und zwar am Morgen des Heiligabends. Wir Kinder durften an diesem heiligen Tag nicht das Wohnzimmer betreten. Erst dann, wenn Mama Hildegard mit dem Glöckchen läutete und das war nach dem Abendessen. Mama Hildegard verschwand am Morgen im Wohnzimmer um dem Christkind zu helfen unseren Tannenbaum zu schmücken. Wir übernahmen an diesem Tag jede aufgetragene Aufgabe, denn wir wollten ja, dass uns das Christkind am Abend beschenkt. Die Vorfreude war riesig und die Erwartung, dass endlich die Bescherung war, auch.

Unser Christbaum war recht einfach, aber wunderschön geschmückt. Richtige Kerzen in uralten Halterungen, silberne und ein paar rote Kugeln, die Generationen alt waren. Lametta, das jedes Jahr wieder verwendet wurde. Nicht jedes Jahr neue Kugeln in anderen Farben, damit das Design und der Trend stimmt. Auch heute noch werden im Hause Guthörl die alten Christbaumkugeln an den Baum gehängt und ich muss sagen, dass mich jedes mal die Ehrfurcht und die Erinnerung packt. Die eine oder andere Kugel hat auch schon mal Schaden genommen und wurde ersetzt, aber der Großteil hängt jedes Jahr am Christbaum.

So gab es denn die besagte uralte Christbaumspitze, die Generationen überdauert hatte. Meine Mutter hing mit ganzem Herzen an dieser Spitze und nur Sie durfte diese Spitze aufsetzen, denn sie war sehr zerbrechlich. Als ich dann im Alter von vielleicht 9-10 Jahren nicht mehr so richtig an das Christkind glaubte, wollte ich unbedingt der Mutter helfen, den Tannenbaum zu schmücken und da passierte das Schlimmste, was passieren konnte. Mama war auf die Toilette und ich hatte den übermächtigen Drang, einmal diese unantastbare Spitze auf den Christbaum zu setzen….und sie zerbrach beim aufstecken.

Tränen schossen mir in die Augen, denn ich wusste um die Wertigkeit dieser Christbaumspitze. Mama kam in’s Wohnzimmer und sah den angerichteten Schaden. Auch Sie hatte Tränen in den Augen. Ich wusste, dass eine Strafe folgen würde. Ich musste von meinem Taschengeld eine neue Spitze kaufen. Die gab es damals nur in Eppelborn. Ich fuhr mit dem Zug dahin und kaufte eine neue, ganz tolle Spitze. So ich es noch in Erinnerung habe, war mein Vater Walter mit und hat mir noch ein paar Mark geliehen, damit ich wirklich eine sehr schöne Spitze kaufen konnte.

Seit dieser Zeit sind nun auch schon 50 Jahre vergangen und genau wie meine Mutter setze ich heute, diese von mir mit meinem Taschengeld gekaufte Spitze, ganz vorsichtig und ehrfürchtig auf den Christbaum. Dabei kommen mir immer meine Kindheitserinnerungen in den Sinn. Erinnerungen an meine Eltern und Verwandten, die nicht mehr unter uns weilen. Das ist der wirkliche Geist der Weihnacht. Nicht der Geist des heutigen Konsums und des mehr haben wollen als die anderen. Weihnachten hatte damals etwas wirklich mystisches für uns Kinder. Es war eine besondere Zeit.

Kommentare sind geschlossen.